Erinnerungen von Wolfgang Vornhof
September 2001. Bis zum Auftritt meiner Band LOADED DICE ist noch
etwas Zeit. Auf einmal steht mir im Saal ein bekanntes Gesicht
gegenüber. Nur für den Namen brauche ich etwas Zeit. Genau,
es ist Rainer Grauer, mit dem ich u.a. das Zimmer während unserer
Abschlußfahrt in die Sowjetunion, damals 1975, geteilt hatte. Er
ist mit seinem Nachbarn – einem gemeinsamen Freund - gekommen. Auf
seine Frage, wer denn alles in der Band spiele und ihm Rainer
Henneckes und mein Name genannt wurde, gab es für ihn kein Vertun
mehr. Da wollte er auch hin. Großes Hallo. Dann wird es Zeit
für uns. Wir versprechen, miteinander Kontakt zu halten.
Mitte Dezember 2001. Es ist Sonntag nachmittag und ich lese Helmut
Schümanns Artikel Warum wurden wir, was wir sind ? bereits zu
zweiten Mal. Den Artikel von Helmut hatte ich von Rainer Hennecke tags
zuvor bekommen, der ihn wiederum von Axel Koop erhalten hatte. Axel
lebt und arbeitet in Berlin und fand den Artikel im Berliner
Tagesspiegel.
Am nächsten Tag sitze ich in meinem
Büro und verschicke E-mails an Rainer Grauer, Ulli Blank und
Claudius Schmitz, anstatt zu arbeiten. Die meisten sind gespannt auf
Helmuts Artikel, der den Werdegang der vier Freunde beschreibt. Dies
weckt jetzt natürlich auch unser Interesse an anderen ehemaligen
Freunden und deren Lebenswege. Kurz vor Weihnachten treffe ich Rainer
wieder, der sich spontan bereit erklärt, eine Internet-Seite
über den Abi-Jahrgang 76 zu erstellen.
Irgendwie bin ich
merkwürdig aufgewühlt. Auf einmal ist mir meine eigene
Schulzeit nach all den vielen Jahren wieder so
gegenwärtig. Langsam setzen die Erinnerungen wieder ein.
Ende Juni 1976. Es ist sehr schönes Wetter und ziemlich warm
in diesem Frühsommer. Wir befinden uns an diesem Nachmittag in
der Düsseldorfer Altstadt, genauer gesagt in der
"Pille" und bekommen gerade unsere Abiturzeugnisse
überreicht. Herr Radermacher ist da und auch Herr Roos, der
seinen LK Geschichte nicht bis zum Abitur führen konnte, da er
ein halbes Jahr zuvor einen Herzinfarkt erlitten hatte. Wir sind alle
in ausgelassener Stimmung. Endlich ist es geschafft, endlich sind wir
frei. Die Schulzeit liegt nun hinter uns.
Ein gelber
Paketwagen der Deutschen Bundespost hält vor der Kneipe. Bernd
steigt aus. Er hatte einen Job bei der Post ergattern
können. Nachdem er sein Zeugnis in Empfang genommen hat, setzt er
seine Tour unmittelbar wieder fort. Ich kann auch nicht so lange
bleiben. Ich muß noch zum Friseur, meine geliebten langen Haare
abschneiden lassen. Zwei Tage später stehe ich mit Ulli am
Hauptbahnhof. Wir fahren zur Grundausbildung nach Ahlen und werden
auch die restliche Bundeswehrzeit gemeinsam verbringen.
Frühjahr 1985. Das erste Staatsexamen liegt bereits ein gutes
Jahr hinter mir. Nun habe ich die Zusage, am 15. Juni ins
Referendariat einzutreten. Ein bißchen Schulpraxis vorher
dürfte nicht schaden. Nach einigen Stunden der Hospitation darf
ich in Herrn Raiths Klasse ein paar Stunden über die Römer
unterrichten.
Juni 1994. Meine Band soll den diesjährigen Abi-Ball
musikalisch gestalten. Wir müssen unsere Anlage in der
Eingangshalle vor der Aula auf einer improvisierten Bühne, die
aus schweren, massiven Tischen aus dem Werkraum besteht,
aufbauen. Herr Klipp hat uns untersagt, in der Aula zu spielen, da das
Parkett, das bereits den legendären Schulfeten in den 70ern Stand
gehalten hatte, sonst Schaden nehmen könnte. Die Abiturientinnen
und Abiturienten tragen festliche Kleidung - das kleine Schwarze und
Anzug mit Krawatte – und über dem Eingangsbereich schwebt eine
Wolke aus schwerem Perfum. Nachdem man getrunken und gegessen hat und
die Stimmung lockerer geworden ist, tanzen ausgelassene Eltern vor
unserer Bühne.
November 1996. Für unseren ältesten Sohn steht der
Schulwechsel an. An diesem Samstagvormittag besuchen wir mit ihm das
Scholl. Es herrscht ein reges Treiben auf den Gängen, in den
Klassenräumen und der Aula. Unterstufenschüler zeigen uns
bereitwillig ihre Hefte, in der Cafeteria in der Eingangshalle gibt es
Kaffee und Kuchen sowie belegte Brötchen. Alles in Eigenregie
vorbereitet und organisiert. Herr Goergens stellt uns Hitzenlinde vor,
und Schnupperunterricht gibt es auch.
August 1997. Wir sitzen mit zahlreichen erwartungsfrohen Kindern
und Eltern in der Aula. Der Unterstufenchor unter der Leitung von
Herrn Carlton trägt einige Lieder vor, darunter eines zur Melodie
von "New York, New York", warum es in Düsseldorf und
besonders auf dem Scholl so schön ist. Wenn man es am Scholl
schafft, dann kann man es überall packen, so eine zentrale
Aussage des Liedes. Herr Klipp hält eine Rede und danach gehen
die kleinen Schollaner mit ihren Klassenlehrern ihrem neuen
Schulalltag entgegen.
November 1997. Dieser Samstagvormittag sollte eigentlich ein
fröhlicher Auftakt zum 125jährigen Jubiläum der
ehemaligen Oberrealschule Am Fürstenwall und dem jetzigen
Geschwister Scholl Gymnasium sein. Wir sitzen wieder in der Aula und
es werden Reden zum Jubiläum gehalten. Dennoch ist die Stimmung
gedrückt. Tags zuvor sind zwei Halbwüchsige, beim Versuch
auf der Bahnstrecke in Eller zu sprayen, von einer S-Bahn erfaßt
und getötet worden. Einer der Jungen war Schüler auf dem
Scholl. Der Ball an diesem Abend fällt daher aus. Keinem ist mehr
zum Feiern zu Mute.
Im Foyer treffe ich nach der Veranstaltung
einige Lehrer aus meiner Schulzeit. Das Hallo ist groß. Herr
Radermacher hat nach der Pensionierung noch zehn Jahre in der freien
Wirtschaft gearbeitet. Jetzt sei aber Schluß. Herr Hölscher
ist mittlerweile auch schon 75 und fit wie ein Turnschuh. Es gehe im
sehr gut und am liebsten möchte er 100 Jahre alt werden. Herr
Dr. Greb ist schon über 90 und feiert demnächst als einziger
seines Jahrgangs sein Diamantenes Priesterjubiläum. Herr Nickig
hat sich aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig pensionieren
lassen.
Ende 1997. Erster Elternsprechtag für unseren Sohn. Er geht
mit seiner Mutter auch zu Frau Klüger, seiner jetzigen und meiner
damaligen Biologielehrerin. Ja, ja bei Martin sei alles im grünen
Bereich, aber wie es mir ginge und was ich machte, das interessiere
sie doch viel mehr.
August 2000. Wieder sitzen wir in der Aula. Wieder trägt der
Unterstufenchor einige Lieder vor. Die Rede hält diesmal Herr
Kirchhoff in seiner Funktion als stellvertretender Schulleiter. Der
Posten des Schulleiters ist seit einiger Zeit verwaist. Herr Klipp ist
vorzeitig pensioniert worden. Danach geht unser zweitältester
Sohn mit seiner Klassenlehrerin in die neue Klasse.
Warum ausgerechnet jetzt? Vielleicht weil wir einfach auseinander
gingen und es nicht wie andere Abiturienten anderer Schulen geschafft
haben, sich zum 25jährigen zu treffen? Vielleicht waren wir auch
froh, nichts mehr mit der alten Penne zu tun haben. Irgendwie waren
wir ja auch so eine Art Zwischen- oder Versuchsgeneration: Der letzte
rein männliche Jahrgang, die letzte Klasse, die mit Latein
anfing, Mengenlehre, kaum nach dem Lehrerausbildungsgesetz geschultes
Personal besonders in den Naturwissenschaften und Mathematik,
Auflösung der Klassenverbände, Einführung der
Reformierten Oberstufe. Vielleicht war aber jeder einzelne auch nur
mit seiner eigenen Lebensplanung beschäftigt.
Vielleicht
aber auch nur, weil der Zufall einige Abiturienten des Jahrgangs 1976
wieder zusammengeführt hat?
Vielleicht ist es jetzt
einfach auch an der Zeit, sich wiederzusehen und zu erfahren, was aus
den einzelnen Freunden geworden ist. Also, ich denke, es liegt jetzt
an uns, ob wir es wollen.