Geschwister Scholl Gymnasium - Düsseldorf
Abitur Jahrgang 1976
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Mittwoch, 16. Mai 2012
Abi 76

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Warum jetzt?


Mehr als 25 Jahre danach

Erinnerungen von Wolfgang Vornhof

September 2001. Bis zum Auftritt meiner Band LOADED DICE ist noch etwas Zeit. Auf einmal steht mir im Saal ein bekanntes Gesicht gegenüber. Nur für den Namen brauche ich etwas Zeit. Genau, es ist Rainer Grauer, mit dem ich u.a. das Zimmer während unserer Abschlußfahrt in die Sowjetunion, damals 1975, geteilt hatte. Er ist mit seinem Nachbarn – einem gemeinsamen Freund - gekommen. Auf seine Frage, wer denn alles in der Band spiele und ihm Rainer Henneckes und mein Name genannt wurde, gab es für ihn kein Vertun mehr. Da wollte er auch hin. Großes Hallo. Dann wird es Zeit für uns. Wir versprechen, miteinander Kontakt zu halten.

Mitte Dezember 2001. Es ist Sonntag nachmittag und ich lese Helmut Schümanns Artikel Warum wurden wir, was wir sind ? bereits zu zweiten Mal. Den Artikel von Helmut hatte ich von Rainer Hennecke tags zuvor bekommen, der ihn wiederum von Axel Koop erhalten hatte. Axel lebt und arbeitet in Berlin und fand den Artikel im Berliner Tagesspiegel.

Am nächsten Tag sitze ich in meinem Büro und verschicke E-mails an Rainer Grauer, Ulli Blank und Claudius Schmitz, anstatt zu arbeiten. Die meisten sind gespannt auf Helmuts Artikel, der den Werdegang der vier Freunde beschreibt. Dies weckt jetzt natürlich auch unser Interesse an anderen ehemaligen Freunden und deren Lebenswege. Kurz vor Weihnachten treffe ich Rainer wieder, der sich spontan bereit erklärt, eine Internet-Seite über den Abi-Jahrgang 76 zu erstellen.

Irgendwie bin ich merkwürdig aufgewühlt. Auf einmal ist mir meine eigene Schulzeit nach all den vielen Jahren wieder so gegenwärtig. Langsam setzen die Erinnerungen wieder ein.

Ende Juni 1976. Es ist sehr schönes Wetter und ziemlich warm in diesem Frühsommer. Wir befinden uns an diesem Nachmittag in der Düsseldorfer Altstadt, genauer gesagt in der "Pille" und bekommen gerade unsere Abiturzeugnisse überreicht. Herr Radermacher ist da und auch Herr Roos, der seinen LK Geschichte nicht bis zum Abitur führen konnte, da er ein halbes Jahr zuvor einen Herzinfarkt erlitten hatte. Wir sind alle in ausgelassener Stimmung. Endlich ist es geschafft, endlich sind wir frei. Die Schulzeit liegt nun hinter uns.

Ein gelber Paketwagen der Deutschen Bundespost hält vor der Kneipe. Bernd steigt aus. Er hatte einen Job bei der Post ergattern können. Nachdem er sein Zeugnis in Empfang genommen hat, setzt er seine Tour unmittelbar wieder fort. Ich kann auch nicht so lange bleiben. Ich muß noch zum Friseur, meine geliebten langen Haare abschneiden lassen. Zwei Tage später stehe ich mit Ulli am Hauptbahnhof. Wir fahren zur Grundausbildung nach Ahlen und werden auch die restliche Bundeswehrzeit gemeinsam verbringen.

Frühjahr 1985. Das erste Staatsexamen liegt bereits ein gutes Jahr hinter mir. Nun habe ich die Zusage, am 15. Juni ins Referendariat einzutreten. Ein bißchen Schulpraxis vorher dürfte nicht schaden. Nach einigen Stunden der Hospitation darf ich in Herrn Raiths Klasse ein paar Stunden über die Römer unterrichten.

Juni 1994. Meine Band soll den diesjährigen Abi-Ball musikalisch gestalten. Wir müssen unsere Anlage in der Eingangshalle vor der Aula auf einer improvisierten Bühne, die aus schweren, massiven Tischen aus dem Werkraum besteht, aufbauen. Herr Klipp hat uns untersagt, in der Aula zu spielen, da das Parkett, das bereits den legendären Schulfeten in den 70ern Stand gehalten hatte, sonst Schaden nehmen könnte. Die Abiturientinnen und Abiturienten tragen festliche Kleidung - das kleine Schwarze und Anzug mit Krawatte – und über dem Eingangsbereich schwebt eine Wolke aus schwerem Perfum. Nachdem man getrunken und gegessen hat und die Stimmung lockerer geworden ist, tanzen ausgelassene Eltern vor unserer Bühne.

November 1996. Für unseren ältesten Sohn steht der Schulwechsel an. An diesem Samstagvormittag besuchen wir mit ihm das Scholl. Es herrscht ein reges Treiben auf den Gängen, in den Klassenräumen und der Aula. Unterstufenschüler zeigen uns bereitwillig ihre Hefte, in der Cafeteria in der Eingangshalle gibt es Kaffee und Kuchen sowie belegte Brötchen. Alles in Eigenregie vorbereitet und organisiert. Herr Goergens stellt uns Hitzenlinde vor, und Schnupperunterricht gibt es auch.

August 1997. Wir sitzen mit zahlreichen erwartungsfrohen Kindern und Eltern in der Aula. Der Unterstufenchor unter der Leitung von Herrn Carlton trägt einige Lieder vor, darunter eines zur Melodie von "New York, New York", warum es in Düsseldorf und besonders auf dem Scholl so schön ist. Wenn man es am Scholl schafft, dann kann man es überall packen, so eine zentrale Aussage des Liedes. Herr Klipp hält eine Rede und danach gehen die kleinen Schollaner mit ihren Klassenlehrern ihrem neuen Schulalltag entgegen.

November 1997. Dieser Samstagvormittag sollte eigentlich ein fröhlicher Auftakt zum 125jährigen Jubiläum der ehemaligen Oberrealschule Am Fürstenwall und dem jetzigen Geschwister Scholl Gymnasium sein. Wir sitzen wieder in der Aula und es werden Reden zum Jubiläum gehalten. Dennoch ist die Stimmung gedrückt. Tags zuvor sind zwei Halbwüchsige, beim Versuch auf der Bahnstrecke in Eller zu sprayen, von einer S-Bahn erfaßt und getötet worden. Einer der Jungen war Schüler auf dem Scholl. Der Ball an diesem Abend fällt daher aus. Keinem ist mehr zum Feiern zu Mute.

Im Foyer treffe ich nach der Veranstaltung einige Lehrer aus meiner Schulzeit. Das Hallo ist groß. Herr Radermacher hat nach der Pensionierung noch zehn Jahre in der freien Wirtschaft gearbeitet. Jetzt sei aber Schluß. Herr Hölscher ist mittlerweile auch schon 75 und fit wie ein Turnschuh. Es gehe im sehr gut und am liebsten möchte er 100 Jahre alt werden. Herr Dr. Greb ist schon über 90 und feiert demnächst als einziger seines Jahrgangs sein Diamantenes Priesterjubiläum. Herr Nickig hat sich aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig pensionieren lassen.

Ende 1997. Erster Elternsprechtag für unseren Sohn. Er geht mit seiner Mutter auch zu Frau Klüger, seiner jetzigen und meiner damaligen Biologielehrerin. Ja, ja bei Martin sei alles im grünen Bereich, aber wie es mir ginge und was ich machte, das interessiere sie doch viel mehr.

August 2000. Wieder sitzen wir in der Aula. Wieder trägt der Unterstufenchor einige Lieder vor. Die Rede hält diesmal Herr Kirchhoff in seiner Funktion als stellvertretender Schulleiter. Der Posten des Schulleiters ist seit einiger Zeit verwaist. Herr Klipp ist vorzeitig pensioniert worden. Danach geht unser zweitältester Sohn mit seiner Klassenlehrerin in die neue Klasse.

Warum ausgerechnet jetzt? Vielleicht weil wir einfach auseinander gingen und es nicht wie andere Abiturienten anderer Schulen geschafft haben, sich zum 25jährigen zu treffen? Vielleicht waren wir auch froh, nichts mehr mit der alten Penne zu tun haben. Irgendwie waren wir ja auch so eine Art Zwischen- oder Versuchsgeneration: Der letzte rein männliche Jahrgang, die letzte Klasse, die mit Latein anfing, Mengenlehre, kaum nach dem Lehrerausbildungsgesetz geschultes Personal besonders in den Naturwissenschaften und Mathematik, Auflösung der Klassenverbände, Einführung der Reformierten Oberstufe. Vielleicht war aber jeder einzelne auch nur mit seiner eigenen Lebensplanung beschäftigt.

Vielleicht aber auch nur, weil der Zufall einige Abiturienten des Jahrgangs 1976 wieder zusammengeführt hat?

Vielleicht ist es jetzt einfach auch an der Zeit, sich wiederzusehen und zu erfahren, was aus den einzelnen Freunden geworden ist. Also, ich denke, es liegt jetzt an uns, ob wir es wollen.